Rezension auf www.deutsche-mugge.de von Christian Reder

Ich habe mich in den letzten Wochen etwas näher mit der Sängerin Aurora Lacasa beschäftigt. Das Ergebnis ist das Portrait über die Künstlerin, das in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde
(zum Portrait: HIER). An verschiedenen Stellen in Büchern oder im Netz war immer zu lesen, sie hätte Schlagermusik gemacht und wäre in dem Genre auch zu Hause gewesen. Was ich von ihr hörte, war aber schon etwas anspruchsvoller und facettenreicher als das, was hierzulande heute als Schlager bezeichnet wird. Einmal im Thema habe ich mir dann auch die aktuelle und brandneue Produktion der Sängerin zur Hand genommen um sie für Euch zu besprechen. Ich muss sagen: Ich war mehr als überrascht!

"Lebenslinien", so heißt ihr letztes Studio-Album aus dem Jahre 2005. Heute, fünf Jahre später, gibt es "Lebenslinien - Das Konzert", einen 20 Lieder umfassenden Live-Mitschnitt der Konzerte von Oktober 2009 in Bautzen und Neubrandenburg. Auf dem Silberling befindet sich eine bunte Mischung aus Chansons, südamerikanischer Folklore, Liedern und Emotionen. Begleitet von vier chilenischen und einem argentinischen Musiker präsentiert die Sängerin interessante und aufregende Interpretationen verschiedenster Lieder. Immer wieder gibt es traditionelle, folkloristische Kompositionen z.B. aus Chile ("Papel de plata"), aus Spanien ("Las barandillas"), aber auch aus Deutschland ("Die Gedanken sind frei"), zwischen Kompositionen anderer Künstler wie z.B. Loreena McKennitt ("Freunde"), Gundermann ("Gras"), Gerhard Schöne ("Der Stein", "Der Laden") oder eines hierzulande unbekannteren Komponisten aus Kuba mit einem Text des Kubanischen Dichters Nicolas Guillén. Alle Lieder (bis auf "Gras", bei dem sie nur den Background-Gesang übernimmt) werden von Aurora Lacasa gesungen, und bei den unterschiedlichen Songs kommt die gesamte Fülle ihrer Gesangskunst zum Vorschein. Inhaltlich vermitteln sie eine optimistische Botschaft, und da bin ich auch beim Thema: Alle Lieder haben eine Botschaft, egal in welcher Sprache die Künstlerin sie vorträgt. Insbesondere bei den nicht deutsch gesungenen Songs bekommt man im Booklet Auskunft darüber, woher sie stammen und was sie uns vermitteln möchten. Es sind Lieder von Liebe, Träumen, Freunden oder gegen Gewalt und Armut. Speziell die Titel gegen Armut, Gewalt und Krieg sind auf der CD in der Überzahl, was wohl darauf schließen läßt, dass es der Sängerin besonders wichtige Anliegen sind. Darum hat sie das Lied "Sevillana" z.B. den vielen afrikanischen Flüchtlingen gewidmet, die auf ihrer Flucht aus Afrika in Richtung Europa ihr Leben gelassen haben und immer noch lassen. Eines der vielen Highlights auf dem Album ist das vom Chilenen Ian Ruben Moya bearbeitete und auch so benannte "Schlagermedley". Wer hier eine Mischung von Auroras Schlagerproduktionen der 70er erwartet, wird überrascht sein: Moya hat die Kompositionen in traditionelle südamerikanische Folklore umgewandelt. Lieder wie "Wenn die Wandervögel zieh'n", "Ich liebe den Winter am Meer" oder "Nimm den Zug der Sehnsucht heißt" (allesamt von Arndt Bause komponiert), aber auch Frank Schöbels Komposition "Kommt herein" klingen völlig anders und man erkennt sie doch wieder. Gesungen wird hier zur Abwechslung mal nicht, der Hörer soll Moyas "Umbau" und "Renovierung" pur genießen und achtsam den Feinheiten lauschen. Das Album endet mit einer weiteren internationalen Komposition, die einen Text von Aurora Lacasa bekommen hat (übrigens nicht der einzige Text der Sängerin auf dieser CD). Er heißt "Cancion y huayno" und verabschiedet den Hörer standesgemäß mit lateinamerikanischen Klängen.

"Lebenslinien" ist ein sehr gefühl- und kraftvolles Album von Aurora Lacasa, das verschiedenste internationale Musik miteinander vermischt, vorgetragen nur mit akustischen Instrumenten und ohne Firlefanz. Ich muss zugeben, dass ich positiv überrascht bin, was die Sängerin heute macht. Nichts gegen ihre Musik aus den 60ern und 70ern, doch das hier hat eine ganz andere Qualität und Reife. Aurora Lacasas Stimme ist immer noch fesselnd und jugendlich wie eh und je. Ihre Interpretationen z.B. von "Freunde" oder den Gerhard Schöne-Titeln kann man gar nicht genug loben. Vergleiche hinken immer etwas, aber ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass Aurora Lacasa und der ebenfalls mit dieser Musik vertraute Tino Eisbrenner in Zukunft vielleicht sogar mal ein gemeinsames Thema haben könnten...

(Christian Reder, Verein „Musik aus Deutschland“/Deutsche Mugge)
www.deutsche-mugge.de